Singen am Hohentwiel, 45.000 Einwohner, 20 Kilometer nördlich der Schweizer Grenze. Eine Stadt an der Schwelle vom Industrie- zum Servicestandort. Sichtbares Zeichen dieser Veränderung ist der Hegau Tower. Der 18-stöckige Turm und ein Seitenflügel mit fünf Geschossen bieten 14.500 Quadratmeter Bürofläche für den wachsenden Dienstleistungssektor der Stadt. Bestechend einfach ist die Fassade des Hegau Towers, über den dessen Architekt Helmut Jahn im Interview sagt: „Das Gebäude hat nur das, was man wirklich braucht.“  Integrierte Gebäudetechnik und schlichte, hochwertige Materialien wie Glas, Edelstahl und Beton machten diesen Entwurf erst möglich.

Betreiberin des Hegau Towers ist die städtische Wohnbaugesellschaft Singen, die unter anderem Gewerbeflächen verwaltet. Daraus ergab sich bereits eine wesentliche Anforderung an das neue Gebäude: Exterieur und Interieur mussten so gestaltet werden, dass eine gute Vermietbarkeit gewährleistet war. Im Mittelpunkt dabei: Funktionalität, Flexibilität, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik.

Funktionalität
Gebäude müssen funktionieren – so lautet ein zentrales Prinzip von Architekt Helmut Jahn. Beim Hegau Tower wurde dies mit einem integrierten Gebäudetechnik-System umgesetzt. Ziel war es, ein angenehmes Raumklima und störungsfreie Arbeitsbedingungen für die Gebäudenutzer zu schaffen. Vorrangiges Problem bei Glasfassaden ist dabei stets die Reduzierung der Wärmelast im Sommer. Hier setzten die Klimaplaner auf ein Zusammenspiel aus Niedrigenergie-Kühlung und Sonnenschutz. „Der Hegau Tower verfügt über eine Bauteilaktivierung der Geschossdecken. Hauptkältequelle ist ein offenes nasses Rückkühlwerk, das auf dem Dach installiert ist. Über die Verdunstungskälte wird die Temperatur des geschlossenen Wasserkreislaufes abgesenkt. Diese freie Kälte lässt sich nachts in die Geschoßdecken einspeichern und am Tag für die Umluftkühlung nutzen“, erklärt Matthias Schuler, als Geschäftsführer von Transsolar verantwortlich für das Klimakonzept. Für die Frischluftversorgung entwickelte das Planungsteam spezielle Fassadenklappen, die im Anschlussband der Geschoßdecken platziert sind. So konnten ausschließlich kostengünstige Festverglasungen eingebaut werden.

Bei dieser begrenzten Kälteleistung ist die Reduktion der Sonneneinstrahlung Voraussetzung für ein gutes Raumklima. An den schmalen Nord-West- und Süd-Ost-Fassaden kommen beschichtete und bedruckte Sonnenschutzgläser zum Einsatz. Die Süd-West-Fassade ist mit 295 windstabilen, externen „s_enn“-Sonnenschutzanlagen ausgestattet. Die filigranen, nur fünf Millimeter hohen Microlamellen dieser Edelstahlbehänge reflektieren direkte Sonnenstrahlen ab einem Einfallswinkel von 20 Grad, lassen aber Streulicht in die Büroräume. Da selbst bei geschlossenem Sonnenschutz ca. 23 Prozent Fläche zwischen den Lamellen offen bleibt, ist eine visuelle Anbindung nach außen gewährleistet. Dies war auch ein wichtiges Argument für die Architekten. „Wir bauen keine Glasfassaden, um sie anschließend wieder zuzuhängen“, erklärt Helmut Jahn. In Kombination mit einer tageslichtabhängigen Kunstlichtsteuerung kann so der externe und interne Wärmeeintrag niedrig gehalten werden. Gesteuert werden die Edelstahlbehänge über einen zentralen Sonnensensor mit lokalem Nutzereingriff.

Wie wirkungsvoll das integrierte Klimakonzept ist, zeigt eine Funktionsprüfung, welche die Planer zusammen mit dem Bauherrn nach etwas mehr als einem Jahr der Gebäudenutzung derzeit durchführen. Wie vorgesehen reichen die begrenzten Kühlpotentiale aufgrund des funktionssicheren Sonnenschutzes aus. Auch die Rückmeldung der Nutzer ist positiv: Nach der Umstellung der Fassadenklappen von Zentralsteuerung auf individuelle Steuerung hat das Konzept im vergangenen Sommer sehr gut funktioniert. Detaillierte Kurzzeitmessungen zu Temperaturen und Lichtverteilung in zwei Beispielräumen im Herbst 2010 sowie eine Auswertung der Energiezahlen sollen die positive Resonanz messtechnisch belegen.

Flexibilität
Dienstleistungsunternehmen müssen flexibel sein – und benötigen dafür flexible Raumbedingungen. Die große Gebäudetiefe und die zentral angeordneten Versorgungseinheiten lassen eine Grundrissoptimierung nach den Anforderungen der Mieter zu, je nach Bedarf von Einzel- bis Großraumbüros.

Eine Besonderheit im Hegau Tower ist die modulare Lösung für die Gebäudekonditionierung. An den Glasfronten befinden sich Schächte für die Unterbodenkonvektoren, von denen jedoch nur jeder zweite mit einem Heizkonvektor belegt ist. Zusätzlich zur Basisversion mit Fensterlüftung und Bauteilaktivierung können in die übrigen Schächte Umluftgebläsekonvektoren (Ausbaustufe 1) oder dezentrale Frischluftgeräte mit Umluftoption  (Ausbaustufe 2) eingebracht werden. Eine Nachrüstung ist jederzeit möglich. „Für ein vermietetes Gebäude ist dies die ideale Lösung. Jeder Mieter bekommt die Kühlung, die er braucht“, erklärt Schuler.

Trotz der weitreichenden Gebäudetechnik respektierten die Planer die Autonomie der Nutzer: Kühlung, Heizung, Licht und Sonnenschutz können individuell geregelt werden. Manuelle Befehle überlagern beispielsweise die Automatik des Sonnenschutzes und setzen sie für eine begrenzte Zeit außer Kraft.

Wirtschaftlichkeit
Nasses Rückkühlwerk mit Bauteilaktivierung, natürliche Fensterlüftung im Deckenanschluss, Nutzung von Tageslicht – wo es sinnvoll war, setzen die Planer auf den Einsatz natürlicher Ressourcen. So könnten sie die Nutzung des Gebäudes so wirtschaftlich wie möglich gestalten und damit auch die Nebenkosten für potenzielle Mieter attraktiv machen.

Auch beim Bau war die Wirtschaftlichkeit ein entscheidender Faktor. Bei Baukosten von 30 Millionen Euro haben Elemente wie sichtbarer Beton nicht nur einen ästhetischen Wert. Zentraler Punkt war die Gestaltung der Außenhülle. Jahn entschied sich aus Kostengründen bewusst gegen eine doppelschalige Fassade. Stattdessen ergänzte er die Stahl-Glas-Konstruktion um einen windstabilen Sonnenschutz und konnte so die äußere Schale einsparen. „Der Lamellenbehang ‚s_enn‘ aus Edelstahl ist schienengeführt und wurde im Windkanal bei Windgeschwindigkeit von bis zu 125 km/h getestet“, erklärt Marc Jansen, Marketingleiter beim Hersteller Clauss Markisen. „Somit ist sichergestellt, dass er auch den Bedingungen am Hegau Tower problemlos standhält.“

Ästhetik
Entsprechend der Philosophie von Helmut Jahn ergibt sich aus der Funktionalität und Wirtschaftlichkeit die spezielle Ästhetik des Hegau Towers. Von Klarheit und Einfachheit ist nicht nur die Eingangshalle mit Sichtbeton geprägt, sondern auch das gesamte Ensemble aus dem 70 Meter hohen Tower und dem Seitenflügel. Unterstrichen wird dies durch die horizontal und vertikal auskragenden Wingwall- und Screenwall-Elemente aus Glas, die den Tower von drei Seiten einrahmen. Dieses Konzept überzeugte übrigens auch die Jury, die den Hegau Tower 2009 mit dem Chicago AIA Award auszeichnete. In der Begründung heißt es, die Fassade des Hegau Towers sei „simple, sharp and powerful”. Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen.

„Ein Gebäude, das funktioniert, sieht einfach besser aus“
Ein Gespräch mit Helmut Jahn

XIA: Die Anmutung des Hegau Towers ist sehr klar und postmodern. Folgt der Entwurf des Hegau Towers einem bestimmten ästhetischen Konzept?

Helmut Jahn: Der Grundgedanke der Architektur ist nicht die Ästhetik, obwohl dieser natürlich mit eingeflossen ist. Die Performance, die Leistung eines Gebäudes ist entscheidend. Diese Leistungsfähigkeit bewirkt etwas bei den Gebäuden: Sie altern nicht so schnell. Nehmen Sie beispielsweise das Sony-Center. Es ist jetzt zehn Jahre alt und damit nicht mehr auf dem allerneuesten Stand der Technik. Aber es funktioniert. Das ist wie bei einem Menschen, der seine Leistungsfähigkeit behält: Er sieht einfach besser aus. Genauso sehen auch Gebäude, die funktionieren, besser aus. Gebäude, die nicht funktional sind, wirken schnell alt und müde. Sie verfallen und werden schließlich abgerissen.

Die Leistung eines Gebäudes ist ein wichtiger Aspekt. Wie verhielt sich das beim Hegau Tower? Was waren für Sie die wichtigsten Gestaltungskriterien?

Helmut Jahn: Das Budget war relativ niedrig und Singen ist ein anderer Markt als beispielsweise Washington oder New York. Der Hegau Tower musste deshalb ein sehr einfaches Gebäude sein. Aufgrund dieser Einfachheit ist der Hegau Tower aber geradezu bestechend. Das sage nicht nur ich als Architekt. Das ist auch die Reaktion von vielen Leuten, die den Hegau Tower sehen oder fotografieren. Es ist ein Gebäude, das eigentlich nur das hat, was man braucht.

Wurde deswegen auch keine doppelschalige Fassade realisiert?

Helmut Jahn: Andere Projekte – wie zum Beispiel die Bayer-Konzernzentrale in Leverkusen und der Post Tower in Bonn – waren Corporate Headquarters. Hier ging es um die Darstellung der Unternehmenskultur und einen hohen Grad der Technik. Eine zweischalige Fassade war hier sinnvoll und gewollt. Zudem unterlagen diese Bauvorhaben nicht den gleichen Budgetgrenzen wie der Hegau Tower. Hier mussten wir etwas Einfaches machen. Also haben wir uns gefragt: Welche Funktion hat eine doppelschalige Fassade und wie könnte eine kostengünstigere Lösung aussehen? Die äußere Schale schützt vor allem den Sonnenschutz vor Wind. Wir mussten also einen windstabilen Sonnenschutz finden und sind auf den „s_enn“ gestoßen. Er benötigt die äußere Schale nicht. Damit konnten wir dieses Bauteil einsparen.

Werden doppelschalige Fassaden damit überflüssig?

Helmut Jahn: Nein, so würde ich das nicht sehen. Eine Fassade muss immer dem Gebäude zugeschnitten sein. Das Gebäude muss dem Ort zugeschnitten sein und auch der Verwendung, dem Budget und so weiter. In der Architektur ist ein Konzept nie allgemeingültig, sondern immer nur die angebrachte und richtige Lösung für diese spezielle Situation.

Berlin, im September 2010

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